Rotlichtmilieu und Drogenprostitution rund um die Claramatte
Bild Strassenprostitution
Foto aus: Roswitha Hecke: Liebes Leben. Bilder mit Irene, München 1978.
von Bernadette Stirnimann
Referat im Rahmen der Planungszellenveranstaltung "Rotlichtmilieu/Drogenprostitution".
Das Rotlichmilieu gehört ebenso zum Kleinbasel, wie der Vogel Gryff, der Leu, der Wildi Maa und der Bär. Das hat das Quartierprojekt "Spurensuche - Vom Klostergarten zum Quartierpark" des Vereins Claramatte im vergangenen Jahr 2001 ans Licht gefördert. Es gab immer wieder Probleme im Zusammenleben zwischen Prostituierten und der Quartierbevölkerung und zahlreiche Proteste aus dem Quartier.
Im folgenden ein kurzer historischer Ueberblick:
1919 schreiben beispielsweise AnwohnerInnen des Claragrabens an die Behörden:
"Ist das in Basel erlaubt, dass sich dort zwei Frauenzimmer zur Verfügung der Männer halten und unwissende darauf aufmerksam machen? Dort geht es ein und aus von Morgens 9 bis Abends 1 Uhr. Bitte schaffen sie doch Abhilfe, die Wohnungsnot ist zu gross, man kann nicht ausziehen wie man will. Fragen sie in der ganzen Nachbarschaft, alles ist empört."
Obwohl das Umfeld der Claramatte nie eine offizielle Toleranzzone für die Prostitution war, war das Geschäft hier immer präsent, wie auch ein Artikel aus der National Zeitung von 1973 bestätigt:
"Basels Freudensbezirke sind seit mindestens 25 Jahren die gleichen: Im Kleinbasel die Claramatte, Ochsen- und Webergasse, Kasernen-, Klingental- und Drahtzugstrasse."
Die BewohnerInnen taten sich immer wieder zusammen, um gegen die Belästigungen durch das "älteste Gewerbe" zu protestieren. In den 70er Jahren kam es auch zu einer Aussprache mit dem damaligen Polizeidirektor Karl Schnyder. Die Hauptklage war die Belästigung durch den Suchverkehr. Man versprach der damaligen Quartierkommission, dass man nach Lösungen suchen werde.
Eine gewisse Beruhigung um die Claramatte brachte danach die Verlagerung der traditionellen Strassenprostitution durch die Einrichtung von Massage-Salons. Doch die Ballung von solchen Salons z.B. in der Brantgasse führte zu Problemen mit den dortigen AnwohnerInnen. Ein weiteres Problem ergab sich im Quartier, weil Häuserspekulanten nun darauf aus waren, billigen Wohnraum zu Salons umzuwandeln. Eine Quartierveranstaltung mit dem Titel "Sexgewerbe bedroht Wohnlichkeit im Unteren Kleinbasel" im September 1984 versuchte auf die Probleme der Explosion von Salons durch die Häuserspekulation aufmerksam zu machen. Die damalige Quartierkontaktstelle Unteres Kleinbasel verfasste teilweise erfolgreich Baueinsprachen gegen verdächtige Bauvorhaben. Endgültig gelöst konnte dieses Problem aber nie werden.
Wie ist die Situation auf und um die Claramatte heute?
Das Kleinbasel ist ja gekennzeichnet,durch eine hohe Bevölkerungsdichte mit hohem Kinderanteil und spärlichen Spiel und Grünflächen. Mehr denn je wird deshalb die Claramatte als Spiel und Begegnungsort benützt und belebt.
Das Prostitutionsproblem rund um die Claramatte heute unterscheidet sich in gewissen Punkten von den Problemen der Vergangenheit. Seit den 90iger Jahren wird rund um die Claramatte im grossen und ganzen nicht mehr von professionellen Sex-ArbeiterInnen angeschafft, sondern von drogenabhängigen Frauen, welche sich ihre Sucht mit der Prostitution finanzieren.
Das Prostitutionsproblem der drogenabhängigen Frauen ist somit grundsätzlich ein Drogenproblem und muss mit schadensbegrenzenden Massnahmen einer greifenden und gut koordinierten Drogenpolitik angegangen werden, was leider in Basel nicht unbedingt der Fall ist. Wie dies auch die bekannten Probleme auf dem Matthäusplatz zeigen.
Welche konkrete Probleme ergeben sich nun durch die Drogenprostitution:
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  • Anwohnerinnen und Passantinnen werden belästigt durch Freier, welche z. T. zu Fuss, z. T. in ihren Autos unterwegs sind. So wird jede Frau, in den Augen der Freier, als potentielle Prostituierte betrachtet.
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  • Die Kinder und Frauen auf der Claramatte sind den Blicken oder dummen Sprüchen der herumlungernden Freier ausgesetzt und werden so in ihrem Bedürfnis nach Erholung eingeschränkt.
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  • Der Suchverkehr mit seinen bekannten Folgen, mindert die Wohn und Lebensqualität von Bewohnerinnen und Bewohnern.
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  • Für die Hausbesitzer wird es zunehmend schwieriger, ihre Wohnungen an Familien mit Kindern zu vermieten, da diese Situation viel Verunsicherung bei den MieterInnen bewirkt.
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  • Das "Geschäft" wird teilweise in Hinterhöfen, auf der öffentlichen Toilettenanlage oder in unbeobachteten Gebäulichkeiten im Umfeld der Claramatte erledigt. Das macht diese Orte sehr unsicher und es kam im Frühsommer 2001 sogar zu einer Vergewaltigung auf der Frauentoilette auf der Claramatte.
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  • Die Drogenstrichszene zieht Dealer an.
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  • Manchmal kommt es zu Streitereien zwischen drogenabhängigen Frauen oder auch zwischen etablierten Prostituierten und drogenabhängigen Frauen.
    1998 machte der Claramattenverein eine Petition, worin die Behörden aufgefordert werden, etwas gegen die Überhandnahme des Drogenstrichs zu unternehmen, denn die Zustände waren nicht mehr haltbar. Es kam zu einem Gespräch mit Behördenvertretern und man versicherte uns damals, geeignete Massnahmen zu treffen. Es dauerte ein Jahr, bis dann eine Plakataktion rund um die Claramatte gestartet wurde. Auf den Plakaten wurde darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Gebiet keine Toleranzzone für Strassenprostitution sei, und man verwies die Frauen und Freier an die Schwarzwaldallee und auf den Wolfbahnhof.
    Die Plakataktion, verbunden mit regelmässigen Polizeipatrouillen und entsprechenden polizeilichen Massnahmen, brachte für eine gewisse Zeit Entspannung rund um die Claramatte. Logischerweise verlagerte sich die Szene nicht an die zugewiesenen Örtlichkeiten, da diese völlig ungeeignet waren und von den drogenabhängigen Frauen nicht akzeptiert wurden.Der Drogenstrich dehnte sich danach einfach auf andere Wohn-Gebiete im Unteren Kleinbasel aus, was schlussendlich nur eine Verschiebung der Probleme bedeutete.
    Seit dem Herbst 2001 ist nun aber wieder eine Zunahme des Drogenstrichs rund um die Claramatte zu beobachten. Vor allem jetzt, in der wärmeren Jahreszeit, sind schon in den Mittagsstunden anschaffende, drogenabhängige Frauen anzutreffen. Zwar patroulliert die Polizei regelmässig ums Geviert, doch geändert an der konkreten Situation wird damit nicht viel, zumal sowieso nur die anschaffenden Frauen und keineswegs die Freier angehalten werden.
    Was müsste getan werden?
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  • Erarbeiten von gesamtstädtischen, drogenpolitischen Konzepten und deren Umsetzung, welche echte Verbesserungen für alle Betroffenen bewirken und nicht die Probleme nur von einer Strasse in die andere verschieben.
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  • Aufwertung der Claramatte als Spiel und Erholungsraum, durch deren Umgestaltung, im Sinne der integralen Aufwertung des Kleinbasels und das Unterbinden des Kreiselverkehrs.
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  • Systematische Kontrolle von kreisenden Suchverkehr und Personenkontrollen herumlungernder Freier.
    Für mich ist auch klar, dass das Problem der Drogenprostitution nicht entgültig gelöst werden kann, ausser vielleicht man würde die illegale Drogen legalisieren.
    Ich bin aber überzeugt, dass unter Einbezug aller Betroffenen, Verbesserungswege gefunden werden und dass dieser Prozess lieber heute als morgen beginnen sollte.